28. Februar 2011

Ermittlungen (7): Der Tatort in Papendell

Nach dem Auftauchen der Mörderbriefe und vor allem nach der Verifizierung des Düsseldorfer Mörders als Absender, waren die Düsseldorfer Kriminalisten überzeugt, dass ein weiteres Opfer in der Gegend des Gutes Papendell vergraben wurde. Am 12.November fanden deshalb Nachgrabungen statt. Da die Landjäger im Oktober nicht fündig geworden waren, wurde die Suchaktion ausgeweitet und zahlreiche Erwerbslose wurde eingesetzt. Man fand aber erneut kein Grab, dafür wurde ein Landwirt ermittelt, der Mitte August auf dem nahen Feld einen roten Damenstrohhut, eine Handtasche und vier Schlüssel gefunden hatte. Der Hut war beim Pflügen zerstört worden, die beiden anderen Gegenstände wurden sichergestellt. Man fand heraus, dass die seit dem 11.August 1929 vermißte Maria Hahn vermutlich die Besitzerin der Fundstücke war.
Am 15.November 1929 setzte man die Suche mit einer nochmals erhöhten Zahl an Mitarbeitern fort und am Nachmittag war man schließlich erfolgreich. In 1,30 Metern Tiefe wurde die Leiche der Maria Hahn gefunden und anhand einiger Gegenstände und Schmuck zweifelsfrei identifi- ziert. Ernst Gennat urteilte in den  Kriminalistischen Monatsheften: "Die Leiche der H. war im Ackerboden so tief eingebettet, daß sie auch beim Pflügen oder sonstiger Bodenbearbeitung niemals gefunden worden wäre."
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[1] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.18f..
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

Ermittlungen (6) | Die Presse (3): Post vom Mörder

Unmittelbar nach dem Mordfall Dörrier empfing die Polizei in Düsseldorf einen Brief, der am 13.Oktober 1929 aufgegeben worden war. Der Brief, adressiert an die "Polizeiverwaltung hier"[1], enthielt eine Zeichnung eines Tals in der Nähe des Gutes Pappendell auf der ein Kreuz eingezeichnet war. Der Brief war auf unbedrucktem Zeitungspapier mit einem blauen Stift verfasst worden, die Schrift (in Antiqua) bestand aus Druckbuchstaben:
"Mord bei Pappendelle[sic], an der angekreuzten Stelle, welche nicht mit Unkraut bewachsen ist und mit einem Stein bezeichnet ist, liegt die Leiche begraben, 1 1/2 m tief. Düsseldorfer Stadtanzeiger und Landsmann (Gennat) haben Kenntnis."[2]
Die Düsseldorfer Kriminalisten, die dem letzten Satz keinen Sinn entnehmen konnten, leiteten den Brief mit der Skizze eines bisher unbekannten Tatorts an die zuständige Landjägerei des Nachbarkreises Düsseldorf-Mettmann (der Landkreis Düsseldorf war am 1.August 1929 aufgelöst worden) weiter. Die Landjäger durchsuchten den Bereich beim Gut Papendell, blieben aber erfolglos und sandten den Brief zurück.[3] 
Der Brief wanderte, ohne dass man die Presse informiert hatte, zu den Akten, bis einen zweiter auftauchte, der an die Redaktion der Düsseldorfer Zeitung "Die Freiheit" gerichtet war. Er war am 8.November aufgegeben worden und erreichte die Polizei, als diese gerade die Leiche der Gertrud Albermann gefunden hatte. Das Besondere an dem Brief war, dass auf ihm der Fundort an der Mauer Haniel & Lueg als zweiter Hinweis vermerkt war. Als noch niemand von Presse und Polizei den Tatort kannte, war der Brief verfasst worden, was nahe legte, dass der Brief wirklich vom Mörder stammte. 
Die Skizze aus dem zweiten Brief von Kürten, abgedruckt in den Düsseldorf Nachrichten. [4]
Ernst Gennat stellt fest, dass diese Zeichnung wesentlich übersichtlicher gehalten war, der Weg war hinzugekommen und die Beschriftung war sorgfältiger ausgeführt worden.[5] Der Brief, der wieder mit Blaustift geschrieben worden war, bewies, dass der Mörder der Albermann auch für andere Fälle verantwortlich war und dass er sich mit seinen Taten brüsten wollte. Die Kriminalpolizei ordnete für die folgenden Tage neue Untersuchungen im Bereich Papendelle an und versuchte auch, den Schreiber der Briefe zu fassen, in dem man die Spur des Zeitungspapiers verfolgte. Das Zeitungspapier war bereits einmal durch die Rotationsmaschine einer Druckerpresse gelaufen und wies typische Abdrücke auf. Doch auch in diesem Fall blieben alle Ermittlungen erfolglos, weder konnte die Druckmaschine ermittelt werden, noch ein Altpapierhändler und Beschäftigter einer Druckerei, der das Papier verkauft hatte.[6]
In der Folge erhielt die Polizei sehr viele "Mörderbriefe", sie wurde geradezu mit Hinweisen, Selbstbezichtigungen und Ankündigungen überschwemmt. Das Kriminal-Magazin stellte fest: 
"Allerdings muß man vermuten, daß diejenigen recht haben, die meinen, daß im November 1929 der aktuellste Sport gewisser Stammtische in Düsseldorf die Herstellung von 'Mörderbriefen' sei."[7]
 Kürten selbst gab an, dass er noch zwei weitere Briefe geschrieben habe. Den ersten, der ebenfalls eine Skizze von Papendell enthielt, warf er im Oktober in den Briefkasten am Pressehaus des Düsseldorfer Stadt-Anzeiger, er blieb jedoch verschwunden. Brief zwei und drei sind die beiden, von denen die Polizei Kenntnis erhielt, Brief vier sandte er irgendwann an die Niederrheinische Arbeits- zeitung in Duisburg. In ihm kündigte er an, dass weitere Leichen vergraben seien und das bürgerliche Zeitungen benachrichtigt seien, was aber gelogen war.[8] 
Kürten antwortete auf die Frage, warum er die Briefe schrieb: 
"In der Absicht, in der Bevölkerung, hauptsächlich von Düsseldorf, sowie bei der Polizei und dann nicht zuletzt bei den Stellen, die ich mir immer als meine Peiniger vorgestellt hab, Aufregung und Empörung hervorzurufen."

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[1] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.16..
[2] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.15f..
[3] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.32.
[4] Wie sich das Netz um den Düsseldorfer Mörder zog, in: Düsseldorfer Nachrichten, 26.Mai 1930, Morgen-Ausgabe, Nr.265.
[5] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.17.
[6] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.32f. 
[7] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.34.
[8] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.146f.
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27. Februar 2011

Faszination Serienmörder (3): Fünf Fragen an Hartmut Bühler

Hartmut Bühler ist Portraitfotograf und wohnt und arbeitet in Düsseldorf. Zu seinen Kunden gehören namhafte Zeitschriften wie DIE ZEIT, DIE WELT, der SPIEGEL und zahlreiche deutsche und internationale Unternehmen wie die Deutsche Bank, Lufthansa, Henkel, die Messe Düsseldorf, der Deutsche Olympische Sportbund und viele andere. 2008 stieß er auf Werbung für Straßenbahnfahrten zum Thema Kürten und auf Plakate für Theateraufführungen. Da er selbst in Flingern in der Nähe des damals berüchtigten "Mordgebiets" wohnt, beschäftigte er sich mit Peter Kürten und den Tatorten der Mordfällen. Er war so freundlich fünf Fragen zur Faszination des Serienmords zu beantworten.

1. Herr Bühler, Sie haben versucht, die Tatorte Peter Kürtens mit der Kamera einzufangen. Was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal vor dem Haus des Mörders standen?

Das Haus in der Mettmanner Straße [Siehe Flyer für das Symposium rechts, Anm. JNK] ist unscheinbar, grau und banal. Jedoch kann eine unscheinbare Fassade ein Innenleben beherbergen, das sich von seiner Hülle "um 180 Grad" unterscheidet. A là Raupe und Schmetterling. Nur, in diesem Falle ist der Schmetterling ein Teufel in Menschengestalt gewesen.

2. Sie hatten leider nicht die Zeit Ihr Projekt zu verwirklichen. Können Sie kurz skizzieren, wie Sie die Tatorte fotografisch darstellen wollten?

Ideal wäre gewesen, ohne Zeitdruck zu arbeiten: 
  • mit historischer Kamera der damaligen Polizei, (z. B. Fotokamera Ermanox, hergestellt in Dresden) zu fotografieren. 
  • Immer an den Tagen und Uhrzeiten, an dem die Mordopfer gefunden wurden bzw. von der Polizei fotografiert wurden, sollten die Fotos gemacht werden,  Wg. Licht und Vegetation... 
  • Mit damaligen Absperrbändern oder dergleichen. Oder den heutigen bekannten Absperrungsfolien.Mit den Markierungs-Nummern bzw. Schildtafeln, mt denen diverse Tatdetails markiert und dann fotografiert werden.
  • Umrißlinien der Opfer auf Boden zeichnen: wäre zu sehr BILD-haft.
  • Tatwerkzeuge dazu legen
  • Personen in Größe und Alter der Mordopfer simulieren die Toten. (Zu aufwendig. Und Honorar hätte ich nicht zahlen können.)
Anfangs hatte ich immer ein Holzkreuz dazu mit Foto der Opfer... aber das läßt sich nicht durchziehen.

Herr Bühler war so freundlich einige Arbeitsfotos, die er in der Vorbereitung anfertigte, zur Verfügung zu stellen: 
Köln-Mühlheim, in dem Eckhaus ermordete Kürten 1913 Christine Klein.
© Hartmut Bühler
Der Hellweg in Düsseldorf, an dem Rudolf Scheer im Februar 1929 ermordet wurde.
© Hartmut Bühler

In der Nähe der Grafenberger Allee fand man im November 1929 die Leiche des Kindes Gertrud Albermann.
© Hartmut Bühler
3. Können Sie – gerade im digitalen Zeitalter – als erfahrener Fotograf etwas zur Schwierigkeit der damaligen (Tatort)-Fotografie erklären?

Ich denke, mit den damaligen sehr großen Kameras und ihrer aus unserer Sicht heute schwerfälligen Handhabung war es bereits eine sportliche Leistung, Tatorte mit der Kamera festzuhalten. Daher größten Respekt vor den damaligen Fotografen und Polizisten. Sind wir nicht alle heute viel zu bequem und träge geworden?

4. Wenn Sie Fotografien von 1929 und von heute vergleichen: Wie hat sich das Bild der Stadt gewandelt?

Hm, die Autos und Gebäude von damals hatten Ausstrahlung und Magie. Mehr als das meiste, was heute fährt oder steht (bezieht sich auf die Gebäudesubstanz und Architektur). Das ist meine subjektive Sicht.

5. Wieso übt der Serienmörder Peter Kürten 80 Jahre nach seiner Hinrichtung immer noch eine Faszination auf uns aus?

Kriminelle und Verbrecher sind faszinierender als "Gutmenschen". Ist es deshalb nicht schlimm um unsere Psyche, unsere Gedankengänge bestellt?

Herr Bühler, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, die Fragen zu beantworten und das sie die Bilder zur Verfügung gestellt haben. Wer mehr über die Arbeit Hartmut Bühlers erfahren möchte, kann seine Homepage besuchen: http://www.hsbuehler.com/

26. Februar 2011

Tatort (14): Gertrud Albermann


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Die Ermittlung des Tatorts im Fall Albermann ist besonders schwierig, da das Gelände heute anders aussieht. War früher die Bezeichnung "an der Mauer der Firma Haniel & Lueg" für die Düsseldorfer sehr präzise, so fällt die Ermittlung heute schwer, da die Firma nicht mehr existiert und das Gelände neubebaut wurde. Heute erinnert nur noch ein alter Uhrenturm an den großen Industriekomplex. Die nördlichste rote Markierung steht für den Mord an Gertrud Albermann, die gelbe Markierung südwestlich zeigt den Wohnort des Kindes an,

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Die Akte (14): Gertrud Albermann (7.November 1929)

Am 7.November 1929 verschwand gegen Abend die 5jährige Gertrud Albermann. Das Mädchen, das wegen einer Erkrankung des Vaters, der im westfälischen Warendorf lebte, abwechselnd bei Verwandten in Derendorf und Grafenberg lebte, spielte an jenem Tag vor dem Geschäft der Pflegeeltern in der Ackerstraße. Eine Nachbarin beobachtete, wie das Mädchen mit einem Mann, die Frau schätzte ihn später auf ca. 25 Jahre, fortging. Da das Mädchen ihr unbekümmert zuwinkte, schöpfte die Frau keinen Verdacht. Gegen 18.45 Uhr wurde das Kind das letzte Mal gesehen. Am selben Abend wurde Vermißtenmeldung erstattet und die Kriminalpolizei informiert, die daraufhin das gesamte Gebiet durchstreifen ließ.[1] Am folgenden Samstag, den 9.November, fand eine Streife der Kriminalpolizei die Leiche der "bestialisch ermordeten Gertrud Albermann an der Mauer der Firma Haniel & Lueg".[2] 
Der Befund der Gerichtsmedizin zählte 34 Messerstiche auf dem kleinen Körper, dazu erhebliche Verletzungen der Geschlechtsteile, wo man auch Ejakulat sicherstellte. Ebenfalls fand man Würgemale am Hals.[3]
Kürten gab im Gespräch mit Prof. Sioli an, dass das kleine Mädchen ohne Widerstand mit ihm mitgegangen sei, er habe ihr nicht einmal etwas versprochen. An der "Hanielmauer" würgte er sie, bis das Kind bewusstlos wurde. Dann versuchte er es zu vergewaltigen, was aber nicht gelang. Daraufhin stach er mit einer Schere zu, konnte sich aber nicht erinnern wie oft. Dabei kam es dann zum gewünschten Samenerguß. Anschließend begab sich Kürten nach Hause.[4] Kürten erzählte gegenüber Prof. Sioli auch, wie er sich nach dem Mord an dem kleinen Mädchen fühlte:
"Ich meinte bedeutend leichter geworden zu sein, vom Körpergewicht 50 Pfund abgenommen zu haben; ich habe fernerhin frei atmen können und auch keine Beschwerden auf der Brust und auf dem Kopfe und im Kopfe mehr gespürt, sondern mich frei und wirklich wohl dabei gefunden und habe mir lebhaft ausgemalt, wie das, was mich vorher körperlich bedrückt hat, jetzt auf die übergehen würde, die da mit daran schuldig waren [...]"[5]
Der Mord an der kleinen Gertrud Albermann zeigte die Ohnmacht der Stadt und ihrer Polizei auf. Im preußischen Innenministerium fand eine Konferenz statt, die beschloß einen weiteren Kommissar namens Busdorf nach Düsseldorf zu schicken. Einen neuen und vorläufigen Höhepunkt erreichte die Hysterie in der Stadt, als bekannt wurde, dass der Mörder einen Brief an die Polizei und an die "Freiheit" geschrieben hatte, in denen er von einem Mord bei Papendell sprach und auch den Tatort im Fall Albermann erwähnte. Der Brief war am 8.November aufgegeben worden, bevor die Polizei die Leiche gefunden hatte.
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[1] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.23.
[2] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.23.
[3] Karl Berg: Der Sadist, S. 96ff.
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.139.
[5] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.140.
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Tatort (13): Fälle Meurer und Wanders


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Die nördlichste blaue Nadel im Westen markiert den Ort des Überfalls auf Klara Wanders, den Überfall auf Hubertine Meurer markiert die dritte Nadel von Osten in der unteren Hälfte der Karte.


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Der Ort des Überfalls auf Hubertine Meurer: Die Eisenbahnunterführung am Hellweg.

Die Akte (13): Hubertine Meurer und Klara Wanders (25.Oktober 1929)

Wieder waren es vierzehn Tage, die zwischen dem Mord an Elisabeth Dörrier und dem nächsten Überfall lagen, genauer: den nächsten zwei Überfällen. Der erste ereignete sich gegen 19.30 Uhr, wieder einmal in Flingern. Der Ort des Überfalls lag am Hellweg, wo schon Rudolf Scheer ermordet wurde, an einer Eisenbahnunterführung, wo die Dreherstraße, dem Ort des Überfalls auf Maria Rad, beginnt. Die 34jährige, geschiedene Hubertine Meurer hatte eine Stellung in Bilk und war auf dem Nachhauseweg zu ihrer Baracke am Hellweg. Normalerweise pflegte sie mit dem Fahrrad zu fahren, doch dieses war an diesem Tag in der Werkstatt. Auf der Bruchstraße traf sie einen "jungen Mann", der angab nach Gerresheim zu müssen und sie in ein Gespräch verwickelte. Er sprach Hochdeutsch mit leichtem Düsseldorfer Dialekt und beschwerte sich auf dem Hellweg über die schlechte Beleuchtung in diesem Teil der Stadt. Außerdem sprach er vom Mord an Rudolf Scheer im Februar und schimpfte über den unzureichenden Schutz der Polizei. Nach einer Weile wurde Hubertine Meurer misstrauisch, weil der Mann immer ein wenig hinter ihr ging. In der Nähe der Eisenbahnunterführung verlor sie schließlich das Bewusstsein, als zwei Hammerschläge ihren Kopf trafen. Radfahrer fanden die verletzte Frau und sie wurde ins Krankenhaus gebracht. [1], [2]
Am selben Abend wurde Klara Wanders im Hofgarten überfallen. Sie sprach dort regelmäßig in den späten Abendstunden Männer an. Sie suchte an dem Abend den Kontakt zu Peter Kürten und dieser ging mit ihr zum "Ananasberg" [3]. In einem schützenden Gebüsch bot Wanders Kürten Geschlechtsverkehr an und erhielt vier Schläge mit dem Hammer. Beim letzten Schlag brach der Stiel ab und das Mordwerkzeug flog ins Gebüsch. Kürten entfernte sich und sah nach eigener Aussage später noch einmal nach dem Hammer, den er aber nicht fand. Klara Wanders kam nach einer unbestimmten Zeit wieder zu sich und ging zur Polizei und ins Krankenhaus.[4]

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[1] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.21f..
[2] Karl Berg: Der Sadist, S. 95 und S.128f.
[4] Karl Berg: Der Sadist, S. 95f. und S.129.
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25. Februar 2011

Tatort (12): Fall Dörrier


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Die nördöstlichste rote Markierung zeigt den ungefähren Tatort im Fall Dörrier, die beiden südwestlichen gelben Markierungen zeigen den Standort des Residenz-Theaters und der Brauerei Schumacher. Die weiteren Markierungen sind inzwischen mit einem Link auf den entsprechende Eintrag versehen.

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Die nördliche Düssel südlich des Ostparks. In diesem Bereich, dem sogenannten Torfbruch, fand der Mord an Elisabeth Dörrier statt.

Die Akte (12): Elisabeth Dörrier (12.Oktober 1929)

Zwei Wochen nach dem Mord an Ida Reuter erschütterte ein weiterer Fall die Düsseldorfer Öffentlichkeit. Es war wieder ein Sonntag, als Arbeiter in der Frühe Blutspuren fanden, diesmal südlich des Ostparks im sogenannten Torfbruch. Sie folgten der Blutspur und fanden hinter hohen Disteln die schwer verletzte  22jährige Elisabeth Dörrier. Ihr waren mit einem Schlagwerkzeug acht schwere Kopfverletzungen zugefügt worden, an denen sie am folgenden Tag verstarb ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Hut, Mantel und Handtasche[1] fehlten. Elisabeth Dörrier war eine arbeits- und wohungslose ehemalige Hausangestellte, die seit einiger Zeit im Stadtteil Wersten in einem Wohnwagen schlief und sich als Prostituierte in der Nähe des Hauptbahnhofs und des Worringer Platzes verdingte.[2]
Der Gerichtsmediziner Berg entdeckte, dass die Verletzungen bei Ida Reuter und Elisabeth Dörrier "weitgehende Übereinstimmung" zeigten, auch wurde bei Elisabeth Dörrier der Versuch eines Sexualverbrechens festgestellt.[3]
Peter Kürten sagte über diesen Mord aus, dass er Elisabeth Dörrier am Residenz-Theater, einem damaligen Kino an der Graf-Adolf-Straße, traf. Nach anfänglichem Widerstreben ging sie mit ihm erst zur Brauerei Schuhmacher (wie im Fall Reuter und im Fall Her) und fuhr anschließend mit Kürten in der Straßenbahn nach Grafenberg zur Düssel. Unvermittelt versetzte er ihr einen Schlag mit dem Hammer. Er schleifte sie vom Weg und missbrauchte sie. Erst anschließend, so seine Aussage, habe er die restlichen Schläge angebracht. Die Kleidungsstücke, darunter der blutbesudelten Hut, versteckte er in einem nahen Gebüsch.[4]
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[1] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.14.
[2] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.20f.
[3] Karl Berg: Der Sadist, S.92ff.
[4] Karl Berg: Der Sadist, S.128f.
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Ermittlungen (5): Ernst Gennat und die Mordkommission

Nach dem Mord an Ida Reuter forderte die Düsseldorfer Polizei Hilfe aus Berlin an. Bereits in einem früherem Stadium der Mordserie waren Berliner Ermittler vor Ort, nun erschien mit Ernst Gennat ein gewichtiger und anerkannter Kriminalist in Berlin. "Der volle Ernst" oder "Buddha" wurde er aufgrund seiner Leibesfülle genannt und schon zu Lebzeiten war er ein Berliner Original und eine Legende unter den Kriminalisten. 
Ernst Gennat wurde am 1.Januar 1880 in Plötzensee geboren, sein Vater war Oberinspektor im dortigen Gefängnis. 1904 kam er nach einem abgebrochenen Jura-Studium zur Berliner Kriminalpolizei. Die Polizei war damals noch sehr militärisch geprägt, Uniformen dominierten das Bild und der Wert der kriminalistischen Ausbildung war gering. Es kam vor, dass die Polizisten am Tatort eines Kapitalverbrechens erst einmal aufräumten und die Leiche "schicklich" positionierten und ihr die Augen schlossen, bevor sie die Kriminalpolizei informierte. 1926 wurde er Leiter der von ihm reformierten Berliner Mordinspektion[4] und damit Vorbild für andere Polizisten in der Weimarer Republik. Er führte die sogenannte "Mörderkartei" ein, in der die Akten verschiedener Mordfälle gesammelt wurden und mit deren Hilfe Verbindungen gezogen werden konnten. Eine weitere "Erfindung" Gennats war das "Mordauto". Dieses Spezialfahrzeug enthielt alle nötigen Ausrüstungs- gegenstände zur Spurensicherung, eine Kamera und eine Schreibmaschine samt "Schreibdame". Im Jahr 1926 wurden auch erstmals Polizistinnen in die Kriminalpolizei aufgenommen. Gennats Mordinspektion klärte im Jahr 1931 von 114 Tötungsdelikten 108 auf - eine beachtliche Aufklärungsquote von 94%. An den Ermittlungen und Aufklärungen der Serienmörder Karl Großmann und Fritz Haarmann war er federführend beteiligt.[1], [2], [3]
Nachdem Eintreffen Gennats in Düsseldorf wurde die Mordkommission anscheinend umstrukturiert. Jeder der zeitweilig 50 Beamten erhielt einen eigenen Aufgabenkreis, Gennat nennt als Beispiele "Geisteskranke - frühere Sittlichkeitsverbrechen - Schriftvergleichung - ähnliche Verbrechen ...  usw."[5] Auch der Bereich der Pressearbeit wurde einem einzelnen Beamten zugeteilt. Regelmäßige Besprechungen aller Kriminalisten sollten gewährleisten, dass trotz der Aufgabenteilung immer der aktuelle Stand der Ermittlungen bekannt war. Auch die Staatsanwaltschaft stellte sich um und ernannte einen Sonderdezernenten, der engstens mit der Kriminalpolizei zusammenarbeitete.
Außerdem führte Gennat eine Zentral-Registratur ein, die sich vermutlich an der Berliner Mordkartei orientierte. Sie berücksichtigte die "Notwendigkeit einer einheitliche Bearbeitung sämtlicher Spuren" und verzeichnete auf einzelnen Karteikarten den "Namen des Anzeigenden, des Verdächtigen, gegebenenfalls ein Stichwort über den Tatbestand und das Aktenzeichen." Die einzelnen Akten wurden in "Hauptakten" und "Nebenakten" gegliedert. Erstere enthielten nur das "wirklich wichtige Material", letztere "Nebenspuren" über einen Schlußbericht in der Hauptakte sollte sichergestellt werden, dass alle Aspekte eines Falls übersichtlich dargestellt wurden.[6]
Es dauerte nicht lange, bis nach dem Mord an Ida Reuter die verstärkte Mordkommission einen weiteren Fall des Düsseldorfer Serienmörders aufzudecken hatte.

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24. Februar 2011

Tatort (11): Fall Reuter


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Der Tatort im Fall Reuter ist schwer zu ermitteln, da nur die "Rheinwiesen" bei Oberkassel angegeben werden. Außerdem erwähnt Kürten ein Pappelwäldchen[1]. Daher ist die Markierung auch in diesem Fall sehr ungenau.

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Blick auf die Rheinwiesen bei Oberkassel von der Theodor-Heuss-Brücke. Die Bäume stehen an der Straße "Am Pappelwäldchen".

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[1] Karl Berg, Der Sadist, S.128.
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Die Akte (11): Ida Reuter (30.September 1929)

Ungefähr einen Monat nach dem Überfall auf Gertrud Schulte an den Rheinwiesen in Oberkassel ereignete sich genau dort ein weiterer Mord. Am 30.September, einem Sonntag, fanden am frühen Morgen Strombauarbeiter auf den Rheinwiesen, nur knapp fünfhundert Meter vom anderen Tatort entfernt, eine weibliche Leiche. Man nahm zuerst an, dass die Frau wie so viele andere Wohnungslose auf den Rheinwiesen übernachtet hätte, doch dann stellten die Arbeiter fest, dass sie schwere Kopfwunden hatte. (Der Gerichtsmediziner Berg berichtet allerdings, dass die Leiche "die für ein Sexualverbrechen bezeichnende Lage mit gespreizten bloßen Beinen und zurückgeschlagenen Kleidern" hatte und somit wohl kaum wie eine Schlafende ausgesehen haben kann [1]) Kriminalpolizei und die Spurensicherung wurden informiert. Ein Schleifspur zeigte an, dass die Frau auf dem Deich (Berg: Rheinuferpromenade) überfallen und dann 150 (Berg: 70) Meter über die Wiese geschleift wurde. Als Todeszeitpunkt wurde der Zeitraum zwischen Mitternacht und 2 Uhr morgens ermittelt.[2]
Die Gerichtsmedizin stellte schon am Tatort fest, dass die unbekannte Leiche auf eine bisher ungewöhnliche Art zu Tode gekommen war. Rund um den Kopf befand sich "ein Kranz von Quetschwunden", die von mehreren Schläge mit einem Werkzeug, vermutlich einem Hammer herrührten. Außerdem fand man bei der Obduktion heraus, dass der Täter sich nach dem Tod an der Frau vergangen hatte, sein Ejakulat wurde nachgewiesen.[3]
Die Umstände des Todes waren der Kriminalpolizei recht bald bekannt, allerdings gestaltete sich die Identifizierung der Frau schwierig. Die Schuhe führten schließlich zum Erfolg. Auf ihnen war der Firmenstempel des Schuhhauses S.Hirsch aus Barmen aufgedruckt und über den Schuster, der die Schuhe besohlt hatte, führten die Ermittlungen zu einer Familie, bei der die Frau seit 14 Monaten in Stellung war. Ihr Name: Ida Reuter. Sie galt als zuverlässig, war aber auch auf der Suche nach einem Ehepartner. Zu diesem Zweck hatte sie Heiratsbüros und Vermittler für Herrenbekannschaften aufgesucht und war sehr häufig an den Wochenenden nach Düsseldorf gefahren, um dort in Tanzlokale zu gehen. Die Ermittler vernahmen mehr als 500 Zeugen, überprüften das Alibi eines Rottenarbeiters mit dem Ida Reuter ein Verhältnis gehabt hatte, verfolgten die Spur eines Mannes, der in jener Nacht auf den Rheinwiesen genächtigt hatte und ermittelten sogar bis nach Holland. Man fand auch heraus, dass die Frau mit einem Unbekannten gegen 22 Uhr in einem Restaurant in Oberkassel gegessen hatte. Doch alle Spuren lieferten keine brauchbaren Ergebnisse.[4]
Peter Kürten sagte später über diesen Abend, dass er gegen 18 Uhr zum Bahnhof ging und dort Ida Reuter ansprach, den Hammer hatte er eingesteckt. Sie gingen zur Brauerei Schuhmacher und anschließend über den Hofgarten und die Oberkasseler Brücke auf die andere Rheinseite. Irgendwann wurde es seiner Begleitung zu dunkel und sie kehrten um. Nachdem sich Kürten davon überzeugt hatte, dass keine Zeugen in der Nähe waren, schlug er zu. Dann schleifte er sie auf die Wiese, weil er Stimmen näher kommen hörte. Ida Reuter kam noch einmal zu sich, bevor Kürten mit den restlichen Hammerschlägen den Mord vollendete. Er missbrauchte sie und nahm ihre Hose mit zum Rhein, um damit seine Hände zu waschen. Anschließend nahm er ihr "Köfferchen" mit und behielt daraus einen Ring "für spätere Mädchenbekanntschaften". Später kehrte er noch einmal zum Tatort zurück und zog die Leiche Richtung Rhein, fühlte sich aber von einem Spaziergänger mit Hund gestört und ging.

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[1] Karl Berg: Der Sadist, S.89. 
[2] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.19.
[3] Karl Berg: Der Sadist, S.89ff..
[4] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.19f.
[5] Karl Berg: Der Sadist, S.127f.
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Tatort (10): Fälle Her, Rück, Rad.


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Die Karte der Über- und Mordfälle Kürtens in Düsseldorf wird immer voller. Die Roßstraße, wo Sofie Rück überfallen wurde, markiert die blaue Nadel im Nordwesten. Die gelbe Markierung südlich von Pempelfort zeigt die die Düssel im Hofgarten, wo Kürten mit Lina Her war. Die Brauerei Schumacher wird durch die mittlere der gelben Nadeln im Südwesten gezeigt.  Den ungefähren Überfallort auf Lina Her zeigt die blaue Nadel südöstlich von Grafenberg. Den Überfall auf Maria Rad markiert die östlichste Nadel (ungefähr). Daneben findet sich der Überfall auf Apollonia Kühn, am Hellweg der Mord an Rudolf Scheer und im Süden der Mord an Rosa Ohliger.


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Blick von der Zweibrückenstraße auf die kanalisierte nördliche Düssel, im Hintergrund befindet sich der Ostpark.


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Diesen Teil der Dreher Straße möchte man vielleicht auch heutzutage nachts nicht allein entlanggehen.

Die Akte (10): Lina Her, Sofie Rück, Maria Rad (August - September 1929)

Nach dem Mord an Gertrud Schulte gab es zwischen Ende August und Ende September drei Überfälle, bei denen unklar ist, ob sie der Polizei damals gemeldet wurden oder ob sie erst mit Abschluss der Ermittlungen aufgedeckt wurden. 
Lina Her wurde an einem nicht näher datierten Samstag von einem unbekannten Mann am Bahnhof angesprochen und ging mit ihm bei der Brauerei Schumacher ein Bier trinken. Sie sagte aus, dass der Mann ihr versprach ein Zimmer zu besorgen, während Kürten angab, sie sei bereit gewesen mit ihm nach Hause zu gehen. Nachdem sie gegen 1 Uhr in der Nacht im Hofgarten spazieren waren, gingen sie zum Ostpark. An der  (nördlichen) Düssel versuchte Kürten sie zu würgen. Lina Her wehrte sich aber heftig und so stieß er sie in die Düssel und verschwand.
Im Fall Sofie Rück widersprechen sich Kürtens Aussage und die des Opfers. Kürten gab an, in der Roßstraße ein Pärchen überfallen und erst dem Mann, dann der Frau mehrere Schläge mit einem Meißel versetzt zu haben. Sofie Rück hingegen erklärte, dass sie am 31.August 1929 gegen 22 Uhr in der Roßstraße alleine war und von einem unbekannten Mann vom Fahrrad gerissen wurde. Sie erhielt einen Schlag auf den Kopf, wurde kurz bewußtlos und erwachte, als Leute ihr zu Hilfe kamen.
Am 26.September 1929 wartete Kürten auf der Dreherstraße (sie ist die Fortführung des Hellwegs in Richtung Gerresheim, in der Nähe wurde Apollonia Kühn überfallen und Rudolf Scheer ermordet.) seit 20 Uhr auf ein mögliches Opfer, bis sich gegen Mitternacht die 28jährige Maria Rad näherte. Er würgte sie, griff ihr in den Schritt und dann fielen beide über eine Böschung auf ein Feld. Maria Rad rief laut um Hilfe und Kürten ergriff die Flucht und wurde sogar - das einzige Mal wie er aussagte - kurze Zeit verfolgt.
Tatort (10): Fälle Her, Rück, Rad.  
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[1] Karl Berg: Der Sadist, S.126f.
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23. Februar 2011

Die 20er Jahre (3): Kino

Direkt neben dem Hauptbahnhof in Düsseldorf steht eines der beiden großen Kinos der Stadt: Der UFA-Palast. Der Name, den das Kino trägt, erinnert an eine Zeit, in der dieser Begriff gleichzusetzen war mit "Hollywood". Die UFA stand in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts für große europäische Kinofilme, so wie es Hollywood bis heute für amerikanisch tut. Hollywood und UFA, das war in den 20er Jahren "großes Kino."
Bis zum Ersten Weltkrieg war das Kino als Medium in Deutschland allerdings sehr schlecht angesehen und galt als "proletarischer Kunstersatz". Doch die bis dahin beispiellose Propagandaschlacht des Krieges schuf einen Meinungswechsel im Land. Im Dezember 1917 wurde die Universum-Film A.G. (UFA) gegründet, um mit den französische, italienischen, dänischen, englischen und US-amerikanischen Produktionen mithalten zu können. Mit einem Stammkapital von 25 Millionen Goldmark war mit einem Schlag eine sehr konkurrenzfähiges Filmunternehmen entstanden. Mit dem wachsenden wirtschaftlichen Erfolg wurde das Medium Film in Deutschland immer beliebter und wurde auch im seriösen Bürgertum immer akzeptierter. 
Bereits einer der ersten Filme wurde für die UFA zum Welterfolg: "Madame Dubarry"[1] (1919) von Ernst Lubitsch erzählt die Geschichte der Mätresse und späteren Gräfin Dubarry, bis sie in der französischen Revolution auf der Guillotine endet. Zusammen mit dem expressionistischen Film "Das Cabinet des Dr. Caligari"[2] (1920) von Robert Wiene begründete der Film die "Deutsche Filmklassik". 
Die folgende Inflationszeit war für die Filmindustrie kaum störend, man modernisierte die Studios und hatte Freiraum für künstlerische Experimente. Die deutschen Filme waren gut und günstig und konnte so im Ausland gegen harte Währung gut abgesetzt werden.
In der zweiten Hälfte der 20er Jahre erreichte der Stummfilm seinen künstlerischen Höhepunkt und schafft es abendfüllende "Langfilme" in den Lichtspielhäusern zu zeigen. Weltberühmt wird dabei vor allem ein gewisser Charly Chaplin, dessen Film "Goldrausch"[3] 1925 Premiere feierte. 1926 wurde Fritz Langs Epos "Metropolis" [4] zum ersten Mal gezeigt. Neben den amerikanischen, deutschen und französischen Film kamen ab 1925 die sogenannten "Russenfilme" in die Kinos der Welt. Eines der bekanntesten Werke ist der Revolutionsfilm "Panzerkreuzer Potemkin" [5] (1925) von Sergej M.Eisenstein. 
Mit den 20er Jahren endete auch die Stummfilmära. Es war ein nicht unerheblicher Einschnitt für die Filmemacher, als sich zwischen 1927 und den frühen 30er Jahren der Tonfilm durchsetzte. Lichtspielhäuser und Produktions- studios mussten unter hohen Kosten umgerüstet werden, Schallschutz spielte auf einmal eine Rolle, die gleichzeitige Aufnahme von Ton und Bild stellte alle Beteiligte vor neue Herausforderungen, denen nicht jeder gewachsen war. Mancher Stummfilmstar hatte nicht die richtige Stimme für die neue Zeit und der Tonfilm erforderte auch eine neue Form des Schaupielens, sodass einige Karrieren endeten. Unglücklicherweise setzte mitten im Umstellungsprozeß auf den teureren Tonfilm die Weltwirtschaftskrise ein und erschöpfte die Mittel der Zuschauer. Die Filme dienten in dieser Zeit meist einem eskapistischen Ziel, "Sorgenbrecher", Komödien, Romanzen und die neue "Tonfilmoperette" sollten von Problemen der Zeit ablenken. In Deutschland war ein bis heute bekannter Film im Jahr 1930 am erfolgreichsten: "Die Drei von der Tankstelle"[6] von Wilhelm Thiele mit Willy Fritsch, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann.[7] 
Im darauf folgenden Jahr war ein anderer Film in aller Munde: Fritz Langs "M -Eine Stadt sucht einen Mörder."

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[3] später als Tonfilm mit Erzähler neu aufgeführt: http://www.youtube.com/watch?v=ZI38Fb6vpuo (abgerufen 22.02.2011)
[7] Helmut Korte: Filmkultur der 1920er Jahre, in: Werner Faulstich (Hg.): Die Kultur der zwanziger Jahre, München 2008, S.199-215.
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Düsseldorf 1929 (3): Kommunale Neugliederung

Was sich hinter dem etwas sperrigen und sehr bürokratischen Begriff "Kommunale Neugliederung" verbirgt, ist eines der großen Themen des Jahres 1929. In diesem Jahr endeten vielen Traditionen und Selbstständigkeiten, von diesem Zeitpunkt an werden die Alteingesessenen sagen, das wäre ein großer Fehler gewesen. Am 1.August 1929 trat das "Gesetz zur Kommunalen Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes" in Kraft und veränderte damit die Stadtgrenzen in zahlreichen Städten des heutigen Nordrhein-Westfalens und schuf sogar aus fünf Städten eine neue in der Nachbarschaft Düsseldorfs: Wuppertal (erst Barmen-Elberfeld) wurde (zwangs)geboren.
Ursächlich für diese Neugliederung war, dass die größeren Städte an Rhein und Ruhr immer mehr ins Umland gewachsen waren. Dadurch waren mehrere Probleme entstanden, die nach dem Krieg immer dringender wurden. Die Verarmung von Teilen der Bevölkerung stellte vor allem kleinere Gemeinden im Umland großer Städte vor große Probleme, der aufkommende Individualverkehr und stärker werdende Pendlervekehre verlangten nach einer strategischen Verkehrsplanung und die starke Modernisierungsbedüftigkeit der Infrastruktur und die gleichzeitige Belastung durch die Reparationszahlungen rief den Ruf nach Rationalität hervor. Außerdem waren die großen Städte sehr daran interessiert, die Steuern besonders vermögender Steuerzahler aus dem nahen Umland zu erhalten.
Düsseldorf hatte bereits 1909 mit mehreren Verträgen sein Stadtgebiet vergrößert und war durch die Eingemeindung von Heerdt/Oberkassel, Stockum, Rath, Gerresheim, Eller und Himmelgeist gewachsen. Anfang April 1922 wandten sich die Städte Essen, Duisburg und Düsseldorf an die Staats- und an die Besatzungsbehörden, um sich weitere Gemeinden "einzuverleiben". Kaiserswerth, Lohausen, Kalkum, Wittlaer, Benrath, Garath, Baumberg und Monheim sollten zur Stadt hinzukommen. Doch aus den Plänen wurde erst einmal nichts, sie verschwanden in den Schubladen. Doch da blieben sie nicht lange: am 6.Dezember 1927 gab der preußische Innenminister in einem Erlaß den Auftrag die kommunale Neugliederung vorzubereiten. Am 25.Mai 1928 stellte Oberbürgermeister Lehr die Denkschrift der Stadtverwaltung vor: "Vorschläge der Stadt Düsseldorf zur kommunalen Neugliederung": Die Vorstellungen der Stadt zogen sich von Angermund im Norden über Hilden im Osten, Monheim und Dormagen im Süden  bis nach Meerbusch einmal um die Stadt, lediglich Neuss blieb unangetastet, wäre dafür aber fast eingekreist gewesen.

Vorschlag der Stadt Düsseldorf zur Eingemeindung 1929 auf einer größeren Karte anzeigen
(Die Karte orientiert sich an den "Skizzen zur Eingemeindung 1929" [1], Abb.82, S.401] und ist stark schematisch. In beige die Stadtgrenzen vor 1929, in blau die Pläne der Stadt)
Es ist nicht verwunderlich, dass man damals angesichts dieser Vorstellungen der großen Städte vom "Kommunalen Imperialismus" sprach. Der Oberbürgermeister argument- ierte, dass die Stadt Düsseldorf kaum noch Raum für Industrieansiedlung habe und deswegen Benrath/Reisholz brauche. Außerdem benötige die bergische Industrie einen neuen Industriehafen, der bei Urdenbach/Baumberg geschaffen werden sollte. Im Norden sollte vor allem neue, aufgelockerte Wohnbebauung entstehen, um die Mietskasernen in Düsseldorf zu entlasten, außerdem wollte er dort Industrieansiedlung verhindern, um deren Abgase bei Westwind nicht in der Stadt zu haben. Der Osten wurde ebenfalls zur "Wohn- und Erholungszone" deklariert. Die Pläne stießen auf ein geteiltes Echo und Widerstände.
In Benrath bildete sich eine "bürgerliche Einheitsfront" gegen die Eingemeindung, der Düsseldorf entgegen trat, indem es den Industriebetrieben (u.a. Henkel) Angebote und Versprechungen auf Vergünstigungen im Falle der Eingemeindung machte. Der Benrather Bürgermeister Custodis dachte derweil über eine Verfassungsklage nach. Im März sprachen sich Industrie- und Arbeitgeberverbände, das Handwerk, der Einzelhandel, DDP, DNVP, DVP und das Zentrum für die Selbstständigkeit der Stadt aus.
In Kaiserwerth standen sich Bürger und Geschäftsleute gegenüber. Die einen hofften auf Eigenständigkeit, die anderen tendierten zur Eingemeindung nach Düsseldorf. In Lohausen kämpfte man für einen Anschluss an ein selbstständiges Kaiserswerth und fürchtete beim Anschluss an Düsseldorf höhere Steuern und die "großstädtischen Immobilienmakler".
Am 29.Juli 1929 waren schließlich alle Kämpfe vorüber. Der preußische Landtag beschloss in Abschnitt XII des "Gesetzes zur Kommunalen Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes":
"§30. In die Stadtgemeinde Düsseldorf werden aus dem Landkreis Düsseldorf eingegliedert:
a) die Landgemeinde Benrath
b) die Landgemeinde Garath
c) die Landgemeinde Lohausen, die Stadtgemeinde Kaiserswerth und Teile der Landgemeinden Wittlaer und Kalkum gemäß Grenzbeschreibung der Anlage A des Gestzes unter XXVII
d) Teile der Landgemeinden Erkrath, Ludenberg, Schwarzbach und Eckkamp gemäß Grenzbeschreibung der Anlage A des Gestzes unter XXIX
§31. Die Grenze zwischen der Stadtgemeinde Düsseldorf und der Landgmeinde Büderich des Kreises Neuss wird (nur) berichtigt
§32. Das Amt Benrath des Landkreises Düsseldorf wird aufgelöst."[2]

Geographische Entwicklung der Stadt Düsseldorf auf einer größeren Karte anzeigen
(Die Karte orientiert sich an den "Skizzen zur Eingemeindung 1929" [1], Abb.82, S.401] und ist stark schematisch. In rot die Altstadt innerhalb des alten Festungsrings, in blau die Stadtgrenzen bis 1909,  in beige  die Stadtgrenzen vor 1929 und in grün die Stadtgrenzen nach 1929)

Aber nicht nur für die eingemeindeten Städte und deren Traditionen war der 1.August 1929 ein tiefer Einschnitt. Auch die Düsseldorfer fürchteten sich um die Identität der Stadt. Bereits 1920 hatte sich die Bürgergesellschaft "Alde Düsseldorfer" gegründet, 1922 entstand die Ortsgruppe "Heimatbund Alt-Düsseldorf" des Rheinischen Heimatbundes, 1932 gründete sich der Heimatverein "Düsseldorfer Jonges".[3]
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[1] Peter Hüttenberger: Düsseldorf. Geschichte von den Anfängen bis ins 20.Jahrhundert. Band 3: Die Industrie- und Verwaltungsstadt (20.Jahrhundert), Düsseldorf, 2.Aufl. 1990, S.401.
[2] zitiert nach: Peter Hüttenberger: Düsseldorf. Geschichte von den Anfängen bis ins 20.Jahrhundert. Band 3: Die Industrie- und Verwaltungsstadt (20.Jahrhundert), Düsseldorf, 2.Aufl. 1990, S.406.
[3] Peter Hüttenberger: Düsseldorf. Geschichte von den Anfängen bis ins 20.Jahrhundert. Band 3: Die Industrie- und Verwaltungsstadt (20.Jahrhundert), Düsseldorf, 2.Aufl. 1990, S.395-408.
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22. Februar 2011

Lichtbild (5): Der Anschlag als Informationsquelle

Arbeitslose vor Stellen- und Wohnungsanzeigen, aufgenommen 1928/1929, irgendwo in Düsseldorf. Auch Zeitungsseiten wurden an solchen Orten veröffentlicht.[1]
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[1] Steinbach, Straßenscenen. Arbeitslose Männer vor Stellen- und Wohnungsangeboten, Aufnahmedatum um 1928/1929, Bildersammlung des Stadtarchivs Düsseldorf, Bildnummer: 010 100 003.
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Die Presse (2): Die Presse und die Kriminalpolizei

Ernst Gennat, Leiter der Berliner Mordinspektion, der ab Ende September 1929 die Düsseldorfer Kriminalpolizei unterstützte, schilderte 1930 in den "Kriminalistischen Monatsheften" die Erkenntnisse zu den "Düsseldorfer Sexualverbrechen" und auch seine Erfahrungen mit der Presse. Diese reichen von "[...] die Presse in ihren Auswüchsen - die Presse als wertvolle Helferin des Kriminalisten."[1]
Die Mehrheit der Presse, so Gennat wurde erst mit den letzten Fällen im November 1929 auf die Düsseldorfer Mordserie aufmerksam. In dieser Phase waren 30 bis 40 Journalisten und Fotografen in Düsseldorf, unter anderem auch Vertreter der englischen, holländischen, dänischen, schwedischen, französischen, tschechoslowakischen, (u.a) Presse. Aus dem ferneren Ausland kamen "ununterbrochen" telefonische Anfragen, die nach der nächsten Sensation, der nächsten Nachricht fragten und wissen wollten "ob schon wieder ein neuer Kindermord zu verzeichnen oder mit einem solchen zu rechnen sei."[2]
Gennat bezeichnet es als Aufgabe der Kriminalpolizei, die Presse angemessen mit Material zu unterstützen, um eine sachliche Berichterstattung zu ermöglichen. Kriminalist und Journalist müssten die gegenseitigen Bedürfnisse verstehen und sich gegenseitig unterstützen, gerade in diesem Fall, wo die Kriminalpolizei auf die Unterstützung und Mitwirkung der Bevölkerung angewiesen sei, da die kriminalistischen Methoden erfolglos blieben. Die Presse war also sowohl Mitarbeiter als auch Gefahr für die Kriminalpolizei.[3]
In seinem Bericht in der gleichen Zeitschrift zum Prozeß gegen Peter Kürten griff Ernst Gennat das Thema Kriminalpolizei und Presse noch einmal auf und urteilt im Rückblick:
"Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß die Veröffentlichungen in der Presse in erheblichem Umfange wertvolles Material zu Tage gefördert haben. Diese Feststellung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die kriminalistische Bearbeitung jener Sexualverbechen durch die Presse auch erheblich gestört und beeinträchtigt worden ist."[4]
Vor allem, so Gennat, müsse künftig vermieden werden, dass aus solchen Fällen Sensationen gemacht werden, die anschließend die Bevölkerung verunsichern und eine Psychose auslösen, die die Kriminalpolizei noch mehr an der Arbeit behindert. Vor alle sollen keinerlei Tatbestände und schon gar nicht Details an die Presse gegeben werden, sie müssten unbedingt Geheimnisse der Ermittler werden, um unter anderem Geständnisse und Selbstbezichtigungen richtig analysieren zu können. Außerdem verhindere eine unsachliche, sensationsgierige Berichterstattung, dass mögliche Zeugen die Polizei aufsuchten, wenn die Gefahr bestünde, dass sie nachher in der Presse bloßgestellt würden.
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[1] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.58. 
[2] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.58. 
[3] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.58ff.. 
[4] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.211.
[5] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.211.
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

21. Februar 2011

Ermittlungen (4): Fall Seiser

Im August 1929 glaubt die Düsseldorfer Kriminalpolizei dem Täter auf der Spur zu sein. Ein Verdächtiger namens Seiser hatte schon mehrere Sittlichkeitsverbrechen an Kindern unter 13 Jahren begangen und war angesichts der Fälle Ohliger, Hamacher und Lenzen in den Fokus der Ermittler geraten. Dieser Seiser hatte einen Schrebergarten am Flinger Broich, dort hatte er eine Schaukel aufgestellt und so Kinder angelockt. Mit dem Invaliden Scheer soll er befreundet gewesen sein. Im August wurde vor einem Düsseldorf Schöffengericht gegen ihn verhandelt und die Polizei schöpfte aufgrund seines merkwürdigen Verhaltens, als der Richter das Gespräch auf die Mordserie brachte, Verdacht. Die Wohnung und der Schrebergarten wurden durchsucht und mehrere Messer und eine leere, etwa 17cm lange Dolchscheide gefunden. Darüber hinaus wurde ein Kastenwagen gefunden. Ein solchen hatte ein Zeuge im Fall Ohliger in der Nähe des Tatorts gesehen. Doch auch diese Spur erwies sich als falsch, da die Mordserie nicht aufhörte, als Seiser in Haft war.[1]

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[1] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.27f..
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

Lichtbild (4): Die Oberkasseler Brücke

Blick von Norden auf die Oberkasseler Brücke. Im Vordergrund die Rheinterassen, im Hintergrund "fehlen" im Vergleich zu heute die Rheinkniebrücke und der Rheinturm als markante Orientierungspunkte. Am linken Bildrand ist die Tonhalle zu sehen, am rechten Bildrand die Oberkasseler Rheinwiesen.[1] Ab dem 31.Mai 1934 hieß die Brücke Skagerrak-Brücke.
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[1] Oberkasseler Brücke, Blick vom Gebäude der Bezirksregierung, Aufnahmedatum 1937, Bildersammlung des Stadtarchivs Düsseldorf, Bildnummer: 008 230 028.
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20. Februar 2011

Tatort (9): Fall Schulte


Akte Peter Kürten auf einer größeren Karte anzeigen

Die gelbe Markierung im Südwesten markiert den Kirmesplatz in Neuss, im Nordosten ist der Luegplatz zu sehen. Den ungefähren Ort des Überfalls auf Gertrud Schulte markiert die nördliche blaue Markierung, die in der Mitte der Karte zeigt den ungefähren Ort des Überfalls auf Maria Maas.

Anmerkung: Aufgrund der Recherchen zum Fall Ida Reuter wurde die Markierung für den Tatort des Überfalls auf Gertrud Schulte auf die Wiesen nördlich der Oberkasseler Brücke gelegt und die Karte entsprechend verändert. (23.02.2011, 19:30 Uhr)

Die Akte (9): Gertrud Schulte (25.August 1929)

Am Abend des Tages, an dem der "Fleher Kindermord" entdeckt und untersucht wurde, schreckte eine Nachricht die Polizei auf. Auf den Rheinwiesen bei Oberkassel wurde ein junge Frau, eine 26jährige Hausangestellte, überfallen und mit mehreren Messerstichen verletzt. Der Täter wurde aber durch Bewohner von Zelten daran gehindert seine Tat zu vollenden. Er floh und die Frau wurde schwerverletzt in ein Krankenhaus gebracht.[1]
Gertrud Schulte wurde mit drei Schnittverletzung am Kopf (Scheitel, Ohrlappen, Hals) und zehn Stichverletzungen (Unterkiefer, rechter Oberarm, Oberkörper und zwischen dem 1.und 2.Lendenwirbel) aufgefunden. Der letzte und tiefste Stich auf die Lendenwirbel führte zu einer Lähmung des linken Beines. Außerdem fand man am 1.Lendenwirbel eine abgebrochene Dolchspitze, die als Teil eines Solinger Fabrikats identifiziert werden konnte.[2]
Rasch wurde der Polizei die Besonderheit dieses Falles klar, da Gertrud Schulte den Täter nicht nur sah, wie bei den Lierenfelder Überfällen, sondern auch länger mit ihm zusammen war. In mehreren schwierigen Vernehmungen aufgrund der Schwere der Verletzungen ergab sich dann folgendes Bild: 
Gegen 17 Uhr machte die Hausangestellte am Luegplatz in Oberkassel einen Spaziergang, als sie von einem Mann angesprochen wurde. Sie wies ihn ab, ließ sich nach einer Weile aber überreden und nahm seine Begleitung an. Der Fremde stellte sich als "Fritz Baumgart" vor und gab an, er sei in der Paketausgabe in der Worringer Straße beschäftigt. Er schlug vor, nach Neuss zur Kirmes zu fahren, worauf die beiden in die Straßenbahn einstiegen. Auf der Fahrt nach Neuss erzählte er ihr, dass die Angestellten der Post ein eigenes Bootshaus am Rhein hätten und lud sie auf eine Bootsfahrt ein. In Neuss kaufte Baumgart ein Pfund Pfirsiche, Einladung für Bier, Likör oder Eis lehnte Gertrud Schulte aber ab. Gegen 20 Uhr fuhren sie zurück zur Oberkasseler Rheinbrücke, doch Baumgart überredete sie einige Stationen früher auszusteigen und über die Rheinwiesen zu gehen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Baumgart keinerlei Andeutungen über sein Vorhaben gemacht, erst bei den letzten Häusern hatte er versucht sie zu küssen. An den Rheinwiesen, es war inzwischen ca. 22 Uhr, setzte sich die junge Frau hin, um ihre Schuhe wieder anzuziehen und Baumgart setzte sich neben sie und begann plötzlich ihr "Beinkleid" auszuziehen. Gertrud Schulte wehrte sich und schrie, worauf Baumgart ihr klar machte, dass niemand sie hören würde. Dann sagte sie, sie wolle lieber sterben, "als ihm zu Willen zu sein". Baumgarts Antwort: "Dann sollst du sterben." Er stach auf sie ein und ließ erst von ihr ab, als sich Leute näherten, die die Schreie der Frau gehört hatten. Ihre Handtasche nahm er mit.[3]
Peter Kürten (alias Fritz Baumgart) bestätigte in der Haft die Angaben Gertrud Schultes. Als er die Rufe der sich nähernden Leute hörte, habe er die Handtasche genommen und sei zum Damm gegangen. Als er entdeckte, dass bei seinem Dolch die Spitze fehlte, warf er ihn weg. Er hört hinter sich den Ruf nach dem Überfallkommando und entfernte sich auf dem Deich in Richtung Rheinbrücke. Der Handtasche entnahm er eine Uhr und ein Bild und warf sie in einen Vorgarten. Auf einer Bank wartete er das Erscheinen des Überfallkommandos ab, dass nach 20 Minuten eintraf. In der Annahme, dass die Frau starb, ging er nach Hause, nachdem er im Licht einer Straßenlaterne überprüft hatte, ob an ihm Blutspritzer hafteten, was nicht der Fall war.

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[1] Karl Berg: Der Sadist, S.87f. Siehe auch: Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.18f..
[2] Karl Berg: Der Sadist, S.88.
[3] Ernst Gennat: Die Düsseldorfer Sexualverbrechen, S.31ff. Siehe auch: Karl Berg: Der Sadist, S.125f.
[4] Karl Berg: Der Sadist, S.125f.
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Tatort (8): Fall Hamacher und Lenzen


Akte Peter Kürten auf einer größeren Karte anzeigen

Der Düsseldorfer Stadtteil Flehe. Die rote Markierung zeigt das Gartenfeld zwischen Fleher und Volmerswerther Straße, die gelbe den heutigen Standort des Kirmesplatzes.

Die Akte (8): Luise Lenzen und Gertrud Hamacher (24.August 1929)

Die Akte (8): Luise Lenzen und Gertrud Hamacher (24.August 1929)

Vom 14. bis zum 26.August war im Düsseldorfer Stadtteil Flehe Kirmes. Am Samstag, den 24.August verschwanden gegen Abend die 5jährige Gertrud Hamacher und ihre 14jährige Pflegeschwester Luise Lenzen.[1] (Das Kriminal-Magazin gibt als Alter 6 und 13 Jahre an.[2]) Bereits gegen 20.15 Uhr machte sich der Vater der kleinen Gertrud Hamacher auf die Suche nach den Kindern. Noch gegen 22 Uhr wurden die Kinder angeblich auf dem Kirmesgelände gesehen. Gegen 3 Uhr erstattete der Vater Vermißtenanzeige bei der Polizei. Zwischen 5 und 6 Uhr (auch hier widersprechen sich Kriminal-Magazin und die Angaben von Karl Berg) wurden die beiden Kinder ermordet in einem Gartengelände aufgefunden, etwa 200 Meter von der Wohnung der Eltern entfernt.[3]
Beide Leichen lagen in halber Bauchlage und etwa 17 Meter voneinander entfernt. Die Kleidung war unversehrt, Spuren eines Sexualverbrechens wurden nicht festgestellt. Bei beiden Kindern wurden Hinweise auf eine gewaltsame Erstickung und je zwei Halssschnitte festgestellt. Der Todeszeitpunkt wurde auf "21 1/4" Uhr festgestellt (und widerspricht damit der Aussage im Kriminal-Magazin, dass sie um 22 Uhr noch gesehen wurden, s.o.) Die genaue Obduktion ergab, dass Gertrud Hamacher an ihrer Halswunde verblutete, während Luise Lenzens Halswunden nur oberflächlich waren. Tödlich waren vier Stichwunden am Rücken.[4] Am Tatort wurden auch Fußspuren des Täters gefunden. Karl Berg rekonstruierte anhand der Spuren damals den Tathergang: 
"Die weitgehende Übereinstimmung des Verletzungs- befundes beweist zunächst einen Täter. Das Fehlen von Abwehrverletzungen an den Händen der Kinder deutet auf vorgängige Bewusstlosigkeit der Opfer. Das jüngere Kind Hamacher [...] wird [der Täter] zuerst gepackt und still gemacht haben, er hat es dann zwischen den Stangenbohnen niedergelegt. Währenddessen wird das ältere Kind angstvoll nach der Mutter gerufen haben [Das hatte ein Zeuge gehört, Anm. JNK]; der Täter ist herzugekommen, hat es durch Würgen still gemacht und die zwei Halsschnitte versucht [...].Das Schneiden ist ihm unbequem gewesen, denn er mußte die Bewußtlose halten, deshalb hat er sie noch viermal in den Rücken gestochen. Darüber ist das Mädchen zu sich gekommen, hat noch versucht wegzulaufen, ist aber infolge des Stichs in die Aorta schon nach kurzem Lauf zusammengebrochen."[5]
Nach den Lierenfelder Überfällen waren dies die ersten Mordfälle in Düsseldorf, die die Öffentlichkeit aufschreckten, noch dazu, da der unbekannte Mörder unschuldige Kinder ermordet hatte.(Der Mord an Maria Hahn war noch nicht bekannt.) Die Empörung, die die Tat in Düsseldorf auslöste, war sehr groß und genau das hatte Kürten beabsichtigt, ja erhofft. Im Gespräch mit Prof. Sioli äußerte er in der Haft, dass er am nächsten Tag gegen Mittag zum Tatort zurückkehrte, um sich an der Erregung zu ergötzen. Eine zu der Zeit stattfindende Prozession stand, so sein Eindruck der "Mienen der Teilnehmer", unter dem Eindruck des Geschehenen. In der Nähe des Tatorts gesellte sich Kürten zu den Leuten, die über das Verbrechen und den Täter sprachen, was ihn sexuell so sehr erregte, das er ejakulierte.[6] "Ich freute mich, daß der schöne helle Sonntag wie durch einen Blitz in ganz Düsseldorf gestört war."[7]
Was den Tathergang angeht, so äußerte Kürten gegenüber Prof.Berg und Prof.Sioli, dass er gegen 20 Uhr die Wohnung verließ und nach Flehe fuhr. Bis gegen 22 Uhr suchte er sich ein mögliches Opfer im Kirmestrubel und bemerkte schließlich zwei Mädchen, die in einen Feldweg einbogen. Er folgte ihnen und beauftrage die ältere (Luise Lenzen) für ihn "vier Zigaretten für 20 Pfennige" zu besorgen. Als diese zurück zum Festglände lief, ermordete er Gertrud Hamacher, nachdem sie durch das Würgen bewusstlos geworden war. Luise Lenzen kehrte zurück, Kürten würgte sie und zog sie auf das Gartengelände. Das Kind fing an zu schreien und Kürten stach zu. Kürten gab an, dass er das Kind in Rückenlage zurückließ, sodass es wohl  zu dem Zeitpunkt noch lebte, da man sie in halber Bauchlage fand. Anschließend verließ er Flehe und war gegen 23 1/2 Uhr zu Hause in Flingern, wo er sich noch mit seiner Frau "zwanglos" unterhielt.[8]
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[1] Karl Berg: Der Sadist, S.81f.
[2] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.17.
[3] Kriminal-Magazin: Der Massenmörder von Düsseldorf, S.17f. Siehe auch: Karl Berg, Der Sadist, S.81f.
[4] Karl Berg: Der Sadist, S.82f.
[5] Karl Berg: Der Sadist, S.85f.
[6] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.213f.
[7] Karl Berg: Der Sadist, S.125.
[8] Karl Berg: Der Sadist, S.124f. Siehe auch: Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.213f.
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

19. Februar 2011

Einladung zum Symposium (3): Ein Rückblick in Bildern

Begrüßung und Eröffnung durch Heidi Sack M.A. und Verena Meis M.A.
Das Foyer des Polizeipräsidiums ist gut gefüllt, aber auch etwas kühl.
Nach einer kurzen einführenden Präsentation...

... folgte Prof.Dr. Carsten Darms mit einem kurzen Vortrag über "Werwölfe, Kannibalen und Vampire. Serienmörder, Polizei und Kultur in der Weimarer Republik".
Anschließend folgte ein Interview mit dem Kriminologen Stephan Harbort vom Polizeipräsidium Düsseldorf.
Dann folgte der erste studentische Beitrag zur Frage: "Wie viel Peter Kürten steckt in Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht seinen Mörder"


Nach der ersten Pause stellte man sich Frage: "Wie viel Fritz Lang steckt in Jon J.Muth' Graphic Novel 'M'"
Dann wurde das Themengebiet gewechselt. Mit einer szenischen Lesung und einem Gespräch wurde Thomas Richhardt, Auto des Dramas Schlachfest oder wie ich ein brauchbares Opfer werde, vorgestellt.

Anschließend wurden Hartmut Bühlers Fotografien und einige Tatorte präsentiert


Den Abschluss der studentischen Beiträge stellte ein Verhör mit dem Romanautor Jürgen Ehlers dar, der anschließend eine kurze Passage aus seinem Roman "Mitgegangen" vorlas.

Der letzte Vortrag gehörte Dr.Andreas Kühn, der die Figur des Serienmörders in der Popkultur vorstellte.
Nach dem Abspielen eines von Wolfgang Wirringa neu vertonten fiktiven Funkspruchs zu Kürtens Hinrichtung aus der Weltbühne wurde die Teilnehmer in die dunkle Nacht entlassen, die über dem Foyer des Polizeipräsidiums schon hereingebrochen war.

Faszination Serienmörder (2): Fünf Fragen an Thomas Richhardt

Thomas Richhardt, 1971 in Neuss geboren, studierte in Düsseldorf und Bochum Diplom-Psychologie. Seit 1998 schreibt er Theaterstücke und arbeitete zunächst in dem von ihm gegründeten "Theater ungehindert" mit professionellen und geistig-behinderten Schauspielern zusammen. Von 2000-2003 war er Dramaturg beim Kinder- und Jugendtheater der Städtische Bühnen Münster, anschließend war er bis 2006 beim Jungen Ensemble Stuttgart, wo im Januar 2006 sein Stück "Bonnie und Clyde - ein Stück für drei Schauspieler und einen Fluchtwagen" uraufgeführt wurde. Thomas Richhardt ist seit Oktober 2006 freier Autor und Dozent des Literaturhauses Stuttgart, wo er auch lebt. Im Juli 2011 erscheint sein Handbuch „Szenisches Schreiben im Deutschunterricht“ für Lehrer und Pädagogen im Verlag Klett-Kallmeyer.
Im "Düsseldorfer Sommer" 2000 wurde sein Stück "Schlachtfest oder Wie ich ein brauchbares Opfer werde" im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. (Eine Inhalts- angabe, Pressestimmen und  eine "Leseprobe" findet sich auf Thomas Richhardts Homepage: Dramawerkstatt.de) Auch er war so freundlich mir fünf Fragen zur Faszination des Serienmörders - und seiner Ehe - zu beantworten:

1. Herr Richhardt, worum geht es in Ihrem Stück „Schlachtfest – Oder wie ich ein brauchbares Opfer werde?“

„Schlachtfest“ ist ein Erstling für eine städtische Bühne gewesen. In einem Erstling eines Autors geht es natürlich grundsätzlich erst mal um Alles. Es geht um das Verhältnis von Peter Kürten zu seiner Frau Auguste. Es geht darum, wie viel ein Mensch in einer Liebesbeziehung ignorieren kann, es geht um das Schweigen, es geht um ein Verlangen, das sich jenseits der Vernunft abspielt, es geht um Macht, um Rausch, um Größenwahn. Ganz konkret handelt das Stück von einem Paar, das sich in einer ganz normalen Wohnung befindet und eine Lebensabrechnung verhandelt – in der Nacht vor der Verhaftung des Ehemanns.

2. Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Theaterstück bekommen?

Die Verlage, denen ich damals das Stück zugesendet habe, waren durchweg interessiert und die Lektoren schrieben mir – ungewöhnlich bei Ablehnungen – sogar ein paar ausführliche Rückmeldungen. „Dieses Schlachtfest findet weniger in der Realität statt, als vielmehr in einem Vorstellungsraum, einer Sehnsucht- und Angstwohnung.“ Auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhaus hatte ich dann im Juli 2000 das Glück, meine Wunschbesetzung zu sehen: Irene Christ als Auguste und Hans-Werner Leupelt als Peter Kürten. Unglücklich war es hingegen, dass sich die formale Sprache des Stücks und die sehr formale Inszenierung von Frank Hörner dann gedoppelt haben. Die aufgeladene Beziehungsatmosphäre hat sich nicht so sehr ins Publikum übertragen, wie das möglich gewesen wäre. Und so fallen natürlich auch die handwerklichen Mängel eines Erstlings mehr ins Gewicht.

3. Welches Bild haben Sie von Auguste Kürten?

Ich kann mich an ein Foto aus dem Düsseldorfer Archiv erinnern, das mich merkwürdig berührt hat. Das dürfte vor ihrer Heirat mit Kürten gewesen sein: Eine blonde Frau, die ein offenes, attraktives Gesicht hat. Sie steht in da in einem Bäuerinnenkittel, der sie wahrscheinlich fülliger wirken lässt, als dies sein müsste. Sehr erdig. Aber in dem Blick, den sie wie zufällig in die Kamera richtet, liegt – ja, Verachtung. So habe ich das empfunden. Und dann habe ich mich eingehender mit dieser Frau beschäftigt. „Schlachtfest“ ist vielmehr ein Stück über Auguste als über Peter Kürten. Ich kann die obige Frage also nicht in Kürze beantworten - ich habe immerhin ein ganzes Stück gebraucht, um zu merken, dass ich sie letztendlich nicht beantworten kann.

4. Serienmörder sind eigentlich immer Männer. Warum eigentlich?

Es gibt da – glaube ich – irgendeine Theorie zu, die etwas mit dem Aggressionsverhalten von Männern zu tun hat. Aber das interessiert mich eigentlich nicht. Ich glaube, Frauen morden einfach anders. Oder sie werden nicht geschnappt.

5. Wieso übt der Serienmörder Peter Kürten 80 Jahre nach seiner Hinrichtung immer noch eine Faszination auf uns aus?

Nein, K. selbst übt keine Faszination mehr aus. Es ist das Monströse der Taten, das Unbegreifliche seiner Beziehungen, die Unfassbarkeit, warum er so lange unentdeckt geblieben ist, sein ewiges Nasenbluten, wenn er nach Hause zu seiner Frau kam – das übt immer noch Faszination aus. 

Herr Richhardts, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, die Fragen zu beantworten.